Goethe sagt: „Dulden heißt beleidigen“ – hate speech in Reinform

Woher ich das habe? Ich habe auf meiner letzten Fahrt im ICE einen Artikel über Toleranz in der ZEIT vom 27.3.19 von Thea Dorn regelrecht verschlungen. Für ein paar Minuten stand die Welt still – zum Glück nicht der ICE, was ja auch des Öfteren mal vorkommt. Aber darum geht´s hier nur sekundär. Auch diesen Umstand gilt es zu tolerieren.

Überhaupt: Toleranz – kommt von lat. tolerare, was ursprünglich erdulden oder auch ertragen bedeutet. Diese beiden Begrifflichkeiten klingen aber nicht so schön, finde ich. Denn Zustände zu ertragen, auf die der Mensch keinen Einfluss hat und/oder die nicht zu ändern sind, ist einfach nicht sexy. Mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert und des aufstrebenden Begriffes der Menschlichkeit hat sich das Verständnis der Toleranz jedoch gewandelt und sich zu dem entwickelt, was wir bis heute darunter verstehen.

Die Karrierebibel hat es sehr treffend zusammengefasst: „Einfach ausgedrückt bedeutet Toleranz, das Hinnehmen von anderen Meinungen, Überzeugungen, Verhaltensweisen, Vorlieben oder gerade in aktuellen Zusammenhängen auch Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. Tolerantes Verhalten zeigt sich dadurch, dass jeder nachsichtig, respektvoll und freundlich behandelt wird, auch und gerade wenn dieser anders ist oder denkt als man selbst.“ Schade, dass wir heute immer noch und immer wieder diesen Umstand benennen müssen. Sollte das nicht schon selbstverständlich sein? Ist es nicht! Nicht immer! Und irgendwie immer weniger! Man schaue sich doch nur mal um. Oder mal in dieses Internet – die offene, freie, grenzenlose Plattform bietet ja allerlei, was mich entweder fassungslos kopfschüttelnd oder teilweise gleichzeitig lachend und weinend zurücklässt.

Klar – Meinungsfreiheit… ist ein Menschen- und Grundrecht und darauf basieren diverse Staatsformen, u.a. auch unsere Demokratie. Bestehend aus den schönen Wörtern: Meinung – NICHT Wahrheit – und Freiheit. Seltsamerweise wird heutzutage augenscheinlich des Öfteren mal Meinung mit Wahrheit verwechselt. Nicht alles, was ungefiltert ins Netz gekippt wird, ist gleich die Wahrheit. Es mag ja die eigene subjektive Wahrheit sein, dennoch möchte ich auf die kleine, nicht zu verachtende Tatsache hinweisen, dass man es dann auch seinem Gegenüber zugestehen sollte. Und wenn dann nämlich 2 unterschiedliche Wahrheiten aufeinander prallen, stelle ich mir das in etwa so vor, als wenn sich 2 geschlechtsreife Rüden im Park ineinander verbissen, die Besitzer*innen verzweifelt danebenstehen und die möglichen Folgen schon vor Augen haben.

Aber zurück zur Freiheit…

Folgende Fragen stelle ich mir in diesem Zusammenhang mal ganz persönlich:

Ist es noch Meinungsfreiheit, wenn mir nach einem Pro-Flüchtigen-Post auf FB eine Massenvergewaltigung durch eben diese an den Hals gewünscht wird?! Ist es noch frei, Morddrohungen oder Beihilfe zum Mord öffentlich anzubieten? Andersherum: Wie „frei“ ist der Mensch, der mich öffentlich beleidigen/beschimpfen kann und darf (weil es dafür etliche Likes hagelt)? Wie frei bist Du??

Wie „frei“ bin ich? Wann, wie und wie schnell werden Grenzen sichtbar? Diese Grenzen sind zumeist erstmal in den Köpfen der Kommentierenden zu verorten. Innerhalb dieser Grenzen gibt´s dann die, die hetzen, haten, motzen und/oder die, die eben dieses Verhalten gutheißen und/oder die, die dagegenhalten und mit teilweise – glaubt mir das – wirklich richtig dummen, entwürdigenden Entgegnungen, die jedweder Grundlage entbehren, zu kämpfen haben. Und außerhalb der Grenzen gibt´s dann noch die, die sagen: ach, was geht mich das an?! Ich lebe glücklich und zufrieden in meiner Filterblase und bin echt froh, dass ich morgens beim Socken anziehen nicht umfalle. Das ist schön! Leider ist das die Mehrheit, diese leise Mehrheit, die – ob sie es nun will oder nicht – die Zustimmung zu allem gibt. Dummerweise auch zu dem ganzen Müll und glücklicherweise aber auch zu denen, die es gut mit der Menschlichkeit und Toleranz meinen. Denn, ja, ich toleriere diese zufriedene stille Mehrheit. Ich bin frei und froh, dass ich in meinen mittlerweile unzähligen „Debatten“ mit all den Hatern/Hetzern im Rücken diese undefinierbare stille Mehrheit habe, die mir nicht sagt: ach, lass doch gut sein! Warum tust du dir das an? Sondern… die mich einfach machen lässt. Denn immerhin bin ich ja der einzige Mensch auf der Welt, der frei, selbst und subjektiv einschätzen kann, was ich und in welcher Konzentration einbringen kann.

Für mehr Toleranz – für mehr Menschlichkeit! Für ein Humanichat!