Jetzt sei doch nicht so ungemütlich

Dieses Zitat aus der Hoppenstett’schen Weihnachtsgeschichte, die ich mir – entgegen diesem Märchen über eine Liebesgeschichte rund um 3 Haselnüsse – jedes Jahr ansehe, leitet aus meiner Sicht hervorragend den folgenden, sehr persönlichen Text ein… Handelt er doch von meiner Vergangenheit und meiner Vorstellung einer Gegenwart und Zukunft.

Ich bin in Bautzen geboren, 1983. Bautzen – ja, das ist das mit dem Senf, dem Knast und den Nazis. Aufgewachsen bin ich südlich von Berlin, in Königs Wusterhausen und Ost-Berlin Prenzlauer Berg bei meiner Oma. Mein Abitur machte ich im Harz – in der Adventsstadt Quedlinburg. Ich muss nachträglich sagen, mich hätte es territorial echt schlechter treffen können. Anhand meines Geburtsjahres kann sich jede*r nun ausmalen, dass ich die DDR natürlich zwangsläufig nicht in der Form miterlebt haben konnte wie so manch Andere*r.

Es steht außer Frage, dass die Diktatur, die sich bis 1989/90 hielt, ein absolut widerwärtiges, verurteilungs- und verachtenswertes System gewesen ist – wie jede Diktatur. Dafür ist sie ja eine … das ist sozusagen der Legitimationsgrund und die Daseinsberechtigung. Ich trauere dem System keine einzige Träne nach. Aber ich wollte immer ein rotes Halstuch! Was bekam ich zuerst – das Blaue. (Sollte sich die/der geneigte Leser*in nun fragen, was das bedeuten soll… einfach mal nachlesen.) Ich hatte ja auch keine Ahnung, was es bedeutet, das rote Halstuch zu tragen. Mein Vater sprang im Dreieck. Er wusste, was das bedeutete. Meiner Mutter aus dem Tal der Ahnungslosen war es egal. Sie lebte einfach ihr Leben und war glücklich. Ich war auch glücklich. Ich hatte und habe immer noch eine richtig glückliche Kindheit. Denn dafür ist es ja bekanntermaßen nie zu spät.

Was danach kam –  DAS hat für mich eine grundlegende Bedeutung. Nach der „Wende“ – war es das?? – wurde alles anders. Meine Mutter wurde arbeitslos, mein Vater begab sich nach Hessen und blieb für 10 Jahre fast vollständig dort um zu arbeiten. Ich sah, dass es meinen Freund*innen nicht anders erging. Meinen Eltern wurde von der westdeutschen Firma aufgetragen umzuziehen, damit er beruflich aufsteigen konnte. Genau das haben meine Eltern zu DDR-Zeiten auch getan, als sich von Sachsen nach Brandenburg zogen. (Was hier zur Erklärung herangezogen werden sollte, ist die Tatsache, dass meine Eltern, nachdem sie bereits ein Kind bekommen hatten, in ihre erste gemeinsame Wohnung an einem Ort, den das Regime vorgab, ziehen konnten.) Natürlich brauchten wir dazu eine Bleibe – ein Haus musste her. Und so hatten wir in der Konsequenz – Arbeitslosigkeit und Ratenkredit – nie viel Geld. Um uns herum wurde es landschaftlich zwar schöner, die komplett marode Infrastruktur und Architektur wurde allmählich aufgebaut. Aber was nützt das? Haben wir doch alles verloren. Uns wurde eingeredet, dass unsere Habseligkeiten nur blöder Ostschrott sind und wir doch bitte schnell diese modernen, tollen neuen Westprodukte kaufen sollen. Kurze Frage: Von was denn? Aber wir taten es – hallten doch in unseren Köpfen die Worte: Seid doch froh, dass ihr nun frei seid! Was tun wir nicht alles für euch?! Und jetzt seid mal n bisschen dankbarer und nicht so ungemütlich!

Dass wir – und ich sage mit Nachdruck – wir Ostdeutschen aus einem komplett anderen sozialen System kamen, wird bei jeder Debatte schlechtgeredet. Unser Leben war ganz anders. Die bereits angesprochene erste gemeinsame Wohnung meiner Eltern war in einer sog. Platte – da wusste jede*r wer „Horch und Guck“ vertrat, denn bei Gesprächen im Treppenhaus wurde es immer leiser sobald ein bestimmter Mensch in die Nähe kam. Ja, auch unsere Betriebe waren anders. Sie waren kleine soziale Biotope, in denen jeder Mensch einen Platz zum Leben, Entfalten und Wachsen hatte. Und ja, Arbeit. §1 der Verfassung der DDR sah vor, dass jeder Mensch Arbeit hatte. Sei mal dahingestellt, welchen politischen Hintergrund das hatte, aber es gab Sicherheit. Diese Sicherheit macht auch frei… frei, sich innerhalb der Mauern entsprechend aufzustellen. Frei, Lücken zu finden. Und vor allem frei zu träumen.

Und dann hatten wir nicht mal 2 Jahre Zeit uns komplett umzustellen. Mal abgesehen von den eigenen persönlichen Herausforderungen, wurde uns ein Wirtschaftssystem übergestülpt, das von Menschen geführt wurde, die um ein Vielfaches mehr Zeit hatten, sich daran zu gewöhnen und es entsprechend zu gestalten. Dazu kommt, dass wir keinen Anteil daran hatten – 82% aller Ostdeutschen wurden in den Nachwendejahren arbeitslos.* Sie standen plötzlich in langen Schlangen vor Sozial- und Arbeitsämtern. Die arbeitende Bevölkerung wurde von Heerscharen westdeutscher Groß- und Möchtegern-Großunternehmer mit staatlicher Unterstützung und Legitimierung durch die Treuhand übernommen. Dem recht kontrovers geführten Thema Treuhand kann man sich annähern, wenn man „Die Anstalt“ vom 5.11.19 oder einfach mal hier schaut: https://krautreporter.de/3018-die-treuhand-verstandlich-erklart.

Meine Mutter hat mehrere sog. AB-Maßnahmen machen müssen, um in den Statistiken über die horrende Arbeitslosigkeit nicht als Kennzahl aufzutauchen. Sie ist ausgebildete Kinderkrippenerzieherin und Sozialpädagogin und nun auch noch Bürokauffrau und Gärtnerin. Und seit einiger Zeit frühverrentet.

Meine Eltern haben alles irgendwie toleriert. Warum auch immer… Sie haben sich angepasst und – dem trauere ich bis heute hinterher – ihre wunderbaren Diamantfahrräder weggeworfen, keine Soljanka oder Senfeier mehr gegessen und ihren Klappfix verkauft. Sie haben mir gesagt: geh bloß von hier (unserem 3. Wohnort im Harz) weg. Hier gibt es keine Zukunft für Dich. Und ich ging. Meine Schwester ging. Meine Freund*innen gingen. Kaum jemand kam zurück oder blieb dort. (Außer männlich gelesene Vertreter unserer Gesellschaft, was nun zu einem weiteren großen Problem wurde… Dass nicht jede*r mit übergroßen Veränderungen entsprechend fix klarkommt, ist doch völlig klar. Jedem Menschen sollte grundsätzlich nur das zugemutet werden, was dieser auch ertragen kann… aber anderes Thema).

Wir waren ja nicht die Einzigen, die so handelten. Alle haben versucht, sich anzupassen. Um sich jetzt anhören zu müssen: Jetzt seid doch nicht so ungemütlich! Ihr wolltet doch die Freiheit! Ja, die wollten wir. ABER: wir hatten sie bereits. Frei waren wir als Menschen – nicht als alte, weiße Männer, denen nur daran gelegen ist, Marginalisierte (Frauen, Menschen mit Behinderung, POC´s, LGBTI´s, …) zu unterdrücken. Ach, tolles Wort mit Bedeutung… Unterdrückung…. Wartet mal, woran erinnert mich das jetzt?! Ach ja, an unsere derzeit geführten Debatten!

Ich nutze mit Bedacht die Abgrenzung „ihr“ und „wir“, denn nichts anderes erlebten wir in den letzten 30 Jahren. Und was tun wir, um damit umzugehen? Wir hauen uns Gemeinheiten, Vorurteile, Verurteilungen, Beleidigungen und Intoleranzen um die Ohren. Sei´s drum – ich tue es gerade ja auch.

Warum ich diesen Text schrieb?

Weil ich möchte, dass klar wird, dass wir nun wieder vor einer Änderung des Systems stehen – von einer Industrienation, in der die Arbeit als das höchste Gut eines Menschen zählt, zu einer Dienstleistungsgesellschaft.* In einer Dienstleistungsgesellschaft stehen menschliche Werte im Vordergrund. Menschen schaffen Werte auf der Basis eines Verständnisses für Grundrechte. Warum die heißen die Grundrechte? Weil sie grundsätzlich sind – lebbar und überdenkbar, verhandel- und veränderbar jedoch nur im humanistischen Sinne. 

Weil ich in meinem Leben miterleben möchte, dass in Potsdam, Leipzig oder Erfurt Ostdeutsche würdige Führungspositionen in Bildungs- und Wirtschaftseinrichtungen innehaben, um wirklich etwas zu gestalten.

Weil ich möchte, dass ihr mal in den Schuhen von uns Ostdeutschen lauft.

Weil ich möchte, dass ihr mir mal zuhört!

Jetzt seid doch nicht so ungemütlich – lernt von uns! Wir Ostdeutschen, die für eine gerechte, offene, tolerante Gesellschaft kämpften, haben es erlebt. Lernt von unseren Erfahrungen!

Lernt mit uns im Humanichat eine Gesellschaft für alle Menschen zu gestalten. Lasst uns ein WIR werden!

*Die Nachweise der Angaben dieses Absatzes sind in dem Buch: „Die Übernahme Ostdeutschlands“ von Ilko Sascha Kowalczuk nachzulesen. Der Autor ist Historiker und hat in seinem Buch noch viele weitere Quellen angegeben.