Geh doch zu Hause

An Dich – Exmann:

Als ich Dich kennenlernte, wollte ich Dich nie wiedersehen.

Dieses Gefühl kam auf als wir in Frankfurt/Main auf dem Helaba Tower in der sommerlich eingerichteten Rooftop-Beachbar die Füße in das kleine Badebassin hielten und ich Dich so von der Seite ansah. Du hast mich beschäftigt.

Dieses Gefühl – ja, warum hörte ich nicht drauf?! Ich hörte damals einfach nicht auf meine Gefühle. Ich hörte sowieso nicht. Auf nichts und niemanden. Ich machte was ich wollte. Zumindest dachte ich das… Und fragte mich gleichzeitig, wie spät eigentlich so eine Pubertät einsetzen kann?!

Du wolltest Kinder – richtig viele und am besten sofort. Ich wollte keine.

Aber hey, n Typ, der Kinder will, an dem kann doch nichts Schlechtes sein.

Du hattest auf alles eine passende Antwort. Nahmst mich an die Hand, erklärtest mir Deine Sicht der Welt. Unsere wachsende Beziehung war schön – irgendwie. Wir reisten viel, ich war immer beschäftigt. Ich wurde krank – der Krebs auf meinem Kopf hat mich erstmals nachdenken lassen, was ich will und wie lange ich dafür noch Zeit habe.

Ich sollte nun langsam mal Kinder bekommen. Denn nur dann bin ich eine echte Frau – sagtest Du, als ich wieder gesund war. Und Du warst ja da, fruchtbar genug um langsam mal damit zu beginnen.

Ein wunderbarer Mensch folgte vor 8 Jahren. Vorher musste natürlich geheiratet werden. Mit dickem Bauch in irgendeinem Umstandsfummel in Deiner Heimat und dem Wunsch das „weiße“ Kleid später mal tragen zu dürfen. Mein Nachname änderte sich. Auch das wollte ich nie. Aber mein Vor- und angeheirateter Nachname spricht sich so schön flüssig aus – redete ich mir ein.

Als wir zu viert waren, weil ich von Dir hörte, dass Du mich nur ertragen kannst, wenn ich schwanger bin – da bin ich so schön einfach zu handhaben, willig und hörig – zogen wir in eine größere Wohnung. Die Wohnung, an die Du Dich nun krallst, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Mein Leben vollzog sich fortan innerhalb dieser 4 Wände. Du lerntest unsere Nachbarn kennen – mit einem Kind auf dem Arm. Denn Du bist ja so ein großartiger Vater und nimmst Deiner Frau die Kinder ab – nein, nicht ab, sondern weg.

Die Kinder wurden mal krank und kotzten die Wohnung voll. Ich machte mir Sorgen und fuhr in die Notaufnahme. Währenddessen kotzten die Kinder das Auto voll. Du warst nicht da. Am Telefon nach meinem ausführlichen Bericht sagtest Du mir, dass ich unfähig wäre auf die Kinder aufzupassen. Und dass Du Dich auf mich verlassen musst. Denn nur dann könntest Du voll umfänglich arbeiten, um Geld für die Wohnung zu verdienen. Wenn Du das nämlich nicht kannst, dann verlieren wir die Wohnung.

Und ich bin Schuld. Wie an allem sonst auch.

Abends nach getaner Arbeit warst Du froh, mir erklären zu können, dass Deine kinderlose Kollegin im nicht mehr frischesten Alter ihren Job nicht richtig macht. Wie könnte sie auch – sie ist ja eine seltsame, weil kinderlose Frau. Bestimmt hat sie eine Katze daheim, als Ersatz für ihr sonst so trostloses Leben.

Und nach einem langen arbeitsamen Tag brauchst Du Deine Ruhe. Du sitzt dann am Tisch, möchtest 1,5 Stunden Essen zu Dir nehmen und währenddessen an Deinem Laptop tippen. Witzig – der Laptop steht dann wie so n drittes Glied neben Dir, fest verwurzelt und pustet warme Luft rum. Das ist schon recht interessant. Die Kinder sind sehr neugierig, wollen wissen, was Du da so tust. Aber da Du Dich ja nur auf eine Sache konzentrieren kannst, müssen sie raus an die frische Luft. Im Winter.

Ich hatte gerne die vielen Kinder – Nachbarskinder, neue kleine Freunde meiner Kids – in der Wohnung. Denn die beschäftigen sich zu allererst mal mit Meinen und ich kann in Ruhe was auch immer tun. Aber das geht ja auch nicht. Zu viele Kinder und eine eh komplett unfähige Mutter machen in Deiner Wohnung nur Unordnung. Sie sollen alle rausgehen und an der frischen Luft spielen. Im Winter.

Reisen wolltest Du trotz der Kinder. Und Deine Wahl fiel auf Kreuzfahrten. Ich wollte nur über meine Leiche auf so´n blöden Kutter mit nur alten Kinderhassern. Kind 3 entstand auf einer Kreuzfahrt, im Mittelmeer wenige Seemeilen vor der wunderschönen Insel Santorin und trotz Verhütung. Ich starrte diese Streifen auf dem Test an und wollte, dass sie weggehen… nur weggehen, diese Streifen. Meine Mutter fing an zu weinen als ich die Neuigkeit überbrachte. Nicht vor Freude. Das war zu viel für mich. Niemand hörte mich, als ich sagte, dass ich das nicht will. Nicht nochmal… nicht nochmal Kinderkrieg daheim um Spielzeug. Nicht nochmal Auszeiten mit Nebenjobs und Freiberuflichkeit, die ich irgendwie alleine wuppen muss. Nicht noch mehr Wäscheberge, die zwar wundersamer Weise in die Waschmaschine wandern, aber dann nicht mehr raus. Du hörtest nicht – warum auch?! Ich war ja wieder schwanger. Andere Männer sehen, dass ich „besetzt“ bin – so komme ich wenigstens nicht auf dumme Gedanken. Und ich war beschäftigt.

Es folgten 3 Monate Regungslosigkeit im dunklen Schlafzimmer. Da war dann immer ein Kind – ein ganz kleines, das war auch mal weg. Dann lag das im Kinderwagen, der von einem Nachbarn Deiner Wahl durch die Gegend geschoben wurde. Dann waren da noch 2 andere, größere Kinder, die meine Aufmerksamkeit brauchten. Du sagtest ihnen: lasst die Mama liegen.

Als ich mir wieder vorstellen konnte, meine Füße auf den Boden zu setzen, trugen die mich zu einer wunderbaren Therapeutin. Nach einer Diagnose und folglich vielen Gesprächen, stellte sie mir abschließend eine Frage. Die Sonne schien durchs Fenster und meine einzige Antwort war: Du. Du bist mein Problem, die Ursache. Die Ursache dafür, dass es mir so schlecht geht. Und die Ursache dafür, dass es auch nicht besser wird. Denn Du wolltest ja bereits wieder ein Kind – nachdem es mit der Therapie ja so gut läuft…

Du bist die Ursache, dass ich so wütend bin und es nicht sein darf. Denn sobald ich etwas laut äußere, hälst Du mir den Mund zu. Vor Freunden auch – weil, haha…. Die Uli, die ist halt n bisschen verrückt und kommt immer auf so komische Ideen…

Jetzt – nach unserer Scheidung und 2 Jahren Trennungszeit – darf ich mir erneut die obig geschilderten „Argumente“ von Dir anhören.

Warum – denkst Du – hättest Du jetzt das Recht meine Lebensweise ungefragt zu kommentieren?! Mir meine sozialen Kontakte verbieten zu dürfen?! Warum darf ich nicht reden/lachen/trinken? Warum bin ich in Deinen Augen unfähig meine Kinder zu lieben, nur weil ich tätowiert bin, schwarze Klamotten trage und sexuellen Kontakten nachgehe?! Weil ich ersteres (also nicht das mit den sexuellen Kontakten) in Deiner Wohnung mache?! Und Du Dich damit nicht auseinander setzen kannst? Weil Du 1 Jahr (365 Tage strikte) Trennung von mir brauchst – wie Du immer so schön sagst. Aber hey, schau mal, wir haben 2020. Nach Adam Riese ist das eine Jahr, auf das Du so bestehst, schon längst rum.

Ich wünsche Dir ein wunder- und liebevolles Leben ohne mich.

Du bist ein toller Vater, vielleicht ein guter Mensch irgendwie. Auch nur ein Opfer des Systems aus festgefahrenen patriarchalen (da muss ich jetzt an Deinen Vater denken) und misogynen Strukturen, denen wir alle untergeben sind. Allein Deine fehlende Reflexion werfe ich Dir vor.

Wir haben 3 ganz phantastische Kinder – über die werden wir immer verbunden sein. Auch wenn Du Dir das scheinbar anders vorstellst, also diese Verbundenheit zu mir, nicht zu den Kindern.

Ich danke Dir dafür, dass wir wenigstens immer im Sinne des Wohlergehens unserer Kinder gemeinsame Lösungen zu beider- und allerseitigem Einverständnis finden. Obwohl es von meiner Seite aus immer eine unheimlich unbeschreibliche Kraftanstrengung bedeutet…

ABER hey: ich wünsche mir, dass ich endlich von Dir in Ruhe gelassen werde!

Ein Kommentar zu “Geh doch zu Hause

  1. Ja, kann ich dir gut nachfühlen. Ich bin einen ähnlichen Weg gegangen, musste ihn wohl gehen um zu mir selber zu finden. Deshalb bin ich nicht unglücklich über das, was war.
    Man versteht das Leben nur rückwärts. Und leben tut man es eben vorwärts und es kommt sicher gut! alles Liebe und Gute, Brig

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s