Schweinezombies

Heute ist der 15.3.2020 – ein denkwürdiges Datum angesichts der Corona-Herausforderung, deren Auswirkungen wir derzeit schon erleben und ich befürchte, deren folgende Herausforderungen wir noch noch gar nicht überblicken können.

Gestern blickte ich ungläubig auf ein komplett von mit vollgefülltem Portemonaie bewaffneten Schweinezombies leer geräubertes Nudelregal im hiesigen Supermarkt. Selbstredend, ich kenne entsprechende Tweets und Memes und sonstwas zu diesem Thema – dass es tatsächlich so stattfindet, habe ich aber erst, nachdem ich es mit einen eigenen Augen erblickt habe, wirklich glauben können.

Auch Witze über Klopapierpüree mit Farfalle kenne ich zur Genüge. Und dass die kommende Grillsaison aus Nudelsalaten aller Art bestehen wird.

Witzig – echt.

Wenn‘s doch nur lustig wäre.

Dass unser aller kleiner Alltagsrassismus das Tiefste aus uns wieder ans Sonnenlicht kramt, ist nur ein kleiner Teil der unsäglichen Tatsache, dass wir versuchen mit einer Mischung aus Verzweiflung und verzweifeltem Humor das Beste daraus zu machen.

Heute ist noch nicht mal Tag 1 unserer persönlichen emotionalen Katastrophe und ich bin jetzt schon mit den Nerven am Ende. Als ich erfuhr, dass bis zu den Osterferien und dann folgerichtig 2 Wochen darüber hinaus alle Kindertageseinrichtungen inkl. Schulen geschlossen sind, ließ mich diese Tatsache mit einem Gefühl von kompletter Hilflosigkeit und Panik zurück – gepaart mit „ach, wir kriegen das schon hin, irgendwie“. Schiefes Lächeln…

ich bin froh über die Entscheidung der Regierung. Das war mal wenigstens eine.

Es ist richtig, unser Leben auf ein Mindestmaß zurückzuschrumpfen. Da hat wenigstens (fast) niemand ein schlechtes Gewissen, wenn er/sie nicht an der Steigerung des Bruttosozialprodukts mitarbeitet.

Es ist richtig, dass Eltern ab sofort vollständig für die Fürsorge ihrer Kinder zuständig sind. Wozu haben wir denn welche gemacht, verflucht?!

Wäre es nur in der letzten denkbaren Zeit nicht so angenehm gewesen. Versorgung aller Orts. Schimpfen auf hohem Niveau ohne schlechtes Gewissen, wenn‘s mal keine frisch gekochte BIO-Vollversorgung gab. Oder Kita-Schließung wegen Weiterbildung. Was soll‘n das??

Oder Ausfälle wegen Lehrermangels… zu viel Hausaufgaben? Ja, dann halt nicht. Schlechte Noten – Anzeige gegen die Lehrkraft. Wir haben so viel zu meckern. Weil…. Unsere Arbeit… Unser Stand und der unserer Nachkommenden in der Gesellschaft muss doch gesichert sein. Als Single bist Du nicht ernst zu nehmen und als Elternteil eine Belastung für das Sozialsystem.

Alle leiden.

WAS STIMMT DENN NICHT??? Verdammt nochmal.

Für uns Eltern sollte es das normalste der Welt sein, auf unsere Kinder aufzupassen. Das kapitalistische System stellt uns vor immense Verantwortungen. Aufgerieben zwischen beruflicher Pflichterfüllung und privater Sorgfalt. Das ist so menschenverachtend. Ich denke nun an all jene, die versuchen beides irgendwie unter einen Hut zu kriegen. Das kostet so unfassbar viel Kraft. Und ist letztlich nicht notwendig.

Wenn… ja, wenn… wir alle mal darüber nachdenken würden, was WIR als Menschen leisten und wie viel das wert ist. Egal in welcher Form.

Meine Forderung: jedes Elternteil in einer Lohnarbeit – egal in welcher Betreuungssituation – hat die nächsten 3 Wochen die Arbeit niederzulegen. (Ja, ich weiß – für Selbstständige klingt das wie Hohn)

Jetzt ist die Zeit für uns um ein Zeichen zu setzen. Ich habe keine Ahnung, wie dieses Zeichen aussehen soll und welche Mechanismen zur Setzung dessen notwendig ist… und ob Verzicht tatsächlich zu einer eklatanten Veränderung führt.

Wie lange reden wir schon über die Anerkennung?

Leider gehe ich davon aus, dass ein Großteil ausschließlich von Frauen (die ja eh nicht wirklich zu einer „richtigen“ Gesellschaft gehören) erledigt wird und allein bei dem Gedanken werde ich so wütend, dass meine Energie ausreicht um 100 Kinder die nächsten 3 Wochen alleine zu betreuen.

Ach, Schweinezombies… wir verhalten uns im Supermarkt vor dem Klopapier- oder Nudelregal genauso wie im Umgang mit Marginalisierten. Hauptsache mal alles an sich raffen als gäbe es kein Morgen, nicht nach links und rechts gucken und bloß nicht in den Schuhen von Anderen laufen wollen. Bewaffnet mit Ignoranz und Vorwürfen.

Diese … ich will nicht Krise sagen, obgleich es eine ist… ist unsere Chance für Erneuerung. Und ich will nicht, dass das nun wie‘n so dummer Wahlkampfspruch klingt.

Endlich Zeit für mehr Menschlichkeit, mehr feministische Forderungen, echte Gleichberechtigung. gelebte Solidarität und Mut zur Empathie.

Kriegen wir das hin??

Ich bitte darum.

Danke.

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