Heute: offene Gesellschaft

Ich habe gerade ein Meme mit dem dazugehörigen Stern-Artikel gelesen, in dem es grundsätzlich darum ging, dass Menschen wie wir, die in einer offenen Gesellschaft leben, nun durch Ausgangsbeschränkungen in ihrer Freiheit beschränkt würden und dementsprechend missmutig drauf sind.

Gut, auf der einen Seite nachvollziehbar.

WENN man die offene Gesellschaft dadurch interpretiert, wenn man sich als Mensch frei bewegen kann. Diese Freiheit schließt also ein, dass ich mich komplett ohne schlechtes Gewissen sichtbar nach außen bewegen kann und sozusagen mache, was ich will. Schön!

Auf der anderen Seite finde ich diese Aussage einfach unfassbar zynisch. Was soll denn das für eine offene Gesellschaft sein??

Als Ostdeutsche kann ich echt nur darüber lachen – auch ich habe mich bis 1989 frei bewegen können. In einem Land mit Mauer und das innerhalb derer.

Ein Verständnis für eine offene Gesellschaft beginnt zu aller erst im Kopf und hat meiner Ansicht nach rein gar nichts mit physischer Bewegungsfreiheit zu tun.

Meine geistige, psychische Bewegungsfreiheit steht am Anfang dieses Verständnisses.

Ich kann doch nicht allen Ernstes erwarten, dass, wenn ich eh nicht als hellste Kerze auf dem Tannenbaum, online in Social Media öffentlich gegen Grund- und Menschenrechte rechtspopulistisches Geschwurbel für die Ewigkeit konserviere, FÜR eine offene Gesellschaft bin?!

Was haben wir, die für die eben genannten Rechte eintreten, in den letzten Jahren und vor allem in letzter Zeit in höchster Verzweiflung gegen Hass & Hetze gekämpft. Da kamen dann homöopathische Dosen an Zugeständnissen seitens der Regierung und aus Teilen der Bevölkerung und zumindest das schürte leise Hoffnung auf Besserung.

Das nützte letztlich gar nichts, wenn man mal wieder eine Anzeige wegen Beleidigung/Volksverhetzung tätigen wollte und vor Staatsbeamten stand, die nichts besseres zu tun hatten als einen wegen seinem Aussehen zu kritisieren – wie mir passiert. Aber das ist ja im Vergleich zu Prominenten nur ein klitzekleines Problem.

Nun aber sind wir anderweitig beschäftigt und vor allem die AfD versucht irgendwie gegen die Übermedialisierung des Corona-Themas mit Angst/Hass/Titten & Wetterbericht vorzugehen. Zum Glück klappt das gefühlt nicht so lautstark und vielleicht versteht ja der/die Ein oder Andere mal, was hier in den letzten Jahren gespielt wurde.

Wie oft habe ich in meinen Kommentaren zusammen mit #ichbinhier-Mitstreiter*innen mitgeteilt, dass es problematisch für unsere Gesellschaft ist, gegenseitig mit Tastatur bewaffnet auf einander los zu gehen?! Die Gräben waren schon so tief und ein gegenseitiges Verständnis nicht mehr möglich.

Nun ist alles so still.

Und doch so laut.

Das macht mir zum Einen Mut und zum Anderen auch Angst, oder zumindest böse Vorahnungen. Werden jetzt nicht immer noch Ehrenamtliche und/oder politische Personen bedroht und wir kriegen es nur einfach nicht mehr mit, weil ein anderes Thema derzeit alles überdeckt?! Ich will gar nicht daran denken, was das alles die für Menschen an der europäischen Außengrenze bedeutet nun wirklich alleine gelassen zu werden. Oder oder oder… wir hatten so unfassbar viele Themen, die unserer Menschlichkeit bedurften und bedürfen.

Nun wäre es wirklich an der Zeit für alle Menschen (ja, und auch für die, die AfD aus Überzeugung wählen) darüber nachzudenken, was eine offene Gesellschaft tatsächlich für Jede*n von uns bedeutet.

Gerade jetzt hocken wir nämlich daheim rum und haben Zeit. Viel Zeit. Zeit, um Kraft zu schöpfen für alle die Herausforderungen, die leise im Hintergrund auf uns „warten“.

Und apropos: Zeit… ist relativ. Wir hatten sie schon immer. Haben sie und werden sie immer haben. Nur, wie sie uns erscheint – das ist eine ganz andere und immer individuelle Einschätzung.

Und genau diese Zeit ist Freiheit genug!

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