Gib’s mir, Baby!

In den folgenden Zeilen verarbeite ich die Schwangerschaften und Geburten meiner 3 bezaubernden Kinder. Ich werde offen über meine Erfahrungen schreiben, sodass es auch um Gewalt gegenüber Frauen gehen wird. Wer dies nicht lesen möchte, sollte HIER

aufhören zu lesen.

Allen Anderen verspreche ich gute Unterhaltung zum Thema: Wie krieg ich n Ziegelstein durch n Schlüsselloch?! Denjenigen, denen meine Schilderungen bekannt vorkommen, sei zudem gesagt: ihr seid nicht alleine.

Eine Schwangerschaft und Geburt ist etwas ganz besonderes – diejenigen, die dieses Wunder mit Haut und Haaren erleben dürfen, haben eine Sache in ihrem Leben geleistet, die unvorstellbar großartig und wunderbar ist. Am Ende kommt da nämlich ein kleines Wunder raus – das wird größer und lauter und vorlauter und bringt einen schier um den Verstand, manchmal.

Der Weg dahin gestaltet sich meines Erachtens eher so semi – also aus einer aufgeklärten, feministischen und menschenfreundlichen Sicht heraus.

Ihr müsst nämlich wissen, dass schwangere Menschen ab dem Zeitpunkt der Erkenntnis, dass da was in einem Körper heranwächst, keine Menschen mehr sind. Also, sofern man gesamtgesellschaftlich von einer mündigen, ernst zu nehmenden, tolerierten und mit Respekt zu begegnenden Person ausgeht.

Mutiert mit Samen-Eizellen-Eintritt zum gesellschaftlichen Allgemeingut.

Schwangere dürfen sich Pamphlete über ihren Kleidungsstil, ihre Ess- und Trinkgewohnheiten, ihre Art der Teilnahme am kapitalistischen System (als Arbeitnehmer*in) und/oder andersherum als Konsument*in anhören – von wildfremden Menschen, die ihnen bei den nicht enden wollenden Monologen konsequent ungefragt über den Bauch streicheln. Und diesen dann bewerten. Ist er zu rund, zu groß, zu spitz zu … zu … zu … weil, die „Mutter“ macht‘s ja nicht richtig. Zumindest nicht so richtig, dass dieses Verhalten zu einem breiten Konsens führt.

Am aller treffendsten fand ich die Aussage einer bereits 5-fachen Mutter: Du bist jetzt ein kostbares Gefäß.

Schön! Ein Gefäß bin ich also. Kostbar. Ne Mingvase?! Ein Gegenstand. Etwas, das man in die Ecke stellen kann. Oder auf einen Sockel. Es wurde von Menschenhand geformt, coloriert und nun steht es da. Oft im Weg oder als Repräsentationsobjekt. Und hat vielleicht Blumen oder Wasser drin. Wasser hatte ich auch in mir – unfassbar viel. Meine Beine waren teilweise quarkteilchenähnliche Gebilde, die auch verformbar waren. Aber: ich hatte ja auch etwas sehr kostbares in mir, als Vase. Diese Dinger beinhalten ja etwas – nun ja, Kinder zähle ich persönlich nicht dazu, aber ich lerne ja nie aus.

Dass ich aber eine Frau mit Wünschen, Träumen, Hoffnungen und Ängsten, Erfahrungen aus dem „Leben davor“ und einer wagen Vorstellung vom „Leben danach“ war, ist erstmal komplett egal. Dass mir nicht nur die Beine, sondern auch die Ohren / mein Hirn vom ständigen Gelaber, was ich nun schon wieder alles falsch gemacht habe, anschwollen – ach, Schwamm drüber.

Im Zustand der Dickbäuchigkeit ist eine Frau halt ein Gefäß. Ach, mir fällt da ein: Gefäße reden ja auch nicht. So können sie keine Gegenargumente und/oder Widerworte geben…

so schön!

Und sie sind alleinig für das Wohlbefinden eines werdenen Menschen zur Verantwortung zu ziehen. So können natürlich hinterher all diese Menschen nach ihren ungebetenen Pamphleten zwar sagen: ich hab´s Dir ja vorher gesagt! – aber die Verantwortung für alles trägst Du. Du alleine. Mit Deinem Stil und Deiner unerhörten Art zu leben.

Ach ja, Wasser – das lief dann eines Abends aus mir raus. Der Blasensprung veränderte mein bisheriges Leben und von da an war alles anders. Ich versuchte noch mein Becken zusammenzukneifen. Nichts half. Ich nässte mit dieser farblosen Flüssigkeit mit diesen kleinen weißen Sprenkeln die Autositze und das dicke Handtuch zwischen meinen Beinen ein.

Im Krankenhaus wurde ich in den Kreißsaal nur gelassen, weil ich klingelte. Die Frage: Warum zur Hölle soll denn da jemand klingeln, der da nicht unbedingt rein will?! erspare ich mir. Nach dem Einlass lag ich auf einer Liege und die zuständige Hebamme führte 2 Finger tief in mich ein, um zu fühlen, ob denn nun tatsächlich ein Blasensprung vorliege… WTF?! Die Pfützen, die ich auf meinem Weg hinterlassen habe, sprechen scheinbar eine andere Sprache. Das tat weh. Wirklich höllisch weh. Vielleicht auch, weil ich ja immernoch untenrum Zusammenkneifen war.

Die nächsten Stunden waren geprägt durch halbseidene Wehen, einem Bad in einer Wanne unter Wehen mit Blick auf hellblaue Wolken und irgendwas anderem Romantisierten – ich weiß es nicht mehr. Ich fand‘s nur unfassbar hässlich.

Zwischendrin kam immer mal eine gestresste Hebamme gucken, was da so passierte. Nix passierte…

Nachdem ich 22 Stunden unter Qualen immer noch keine Anzeichen zeigte, ein Kind auf die Welt bringen zu wollen, wurden die anwesenden Mediziner*innen in Anbetracht eines Muttermundöffnung von ganzen 2 Zentimetern langsam nervös. Im Neben-Kreißsaal stöhnte es alle 5 Minuten und dann schrie da was. Ich wollte das auch so gerne. Einfach einmal stöhnen und dann schreit da was Kleines. Warum ging das nicht bei mir?!

Eine PDA musste her. Ich war einfach zu unentspannt.

Und ein Wehentropf – damit mal was vorwärts geht (Zitat Hebamme).

Jede Wehe kam über mich wie ein Tsunami – und zog in mein linkes Bein. Ich habe bis dahin noch nie von einem schwangeren Menschen gehört, der ein Kind durch‘s Knie gebar. Es fühlte sich an, als würde jemand meine Extremität abreißen. Meine Bedenken, dass da was nicht stimme, wurden nicht erhört.

Gut, es half ja eh alles nichts – so kam ich in den OP. Das Kind musste nun raus – es hatte Fieber. Und ich auch – aber das war ja egal.

Der erste Schnitt in meinen Unterleib war unbeschreiblich. Das Skalpell erzeugte nie vorher gefühlte Schmerzen und ließen mich nur aufstöhnen.

„Ach, Sie spüren das?“ war die einzige Frage, die ich daraufhin erhielt. Ein Jaaaa konnte ich gerade noch so aus mir herauspressen. Dann war alles schwarz – die Narkose wirkte. Man setzte mir schnell eine Maske mit narkosierendem Dampf auf.

Das wirkte – ich weiß nicht, wie lange ich nicht wirklich zurechenbar war. Aber am 2. Tag nach meiner Geburt fragte ich mal eine Krankenschwester, ob ich denn nun ein Kind hätte.

Ja, es gäbe da ein Kind. Einen Jungen, der sei ganz wunderbar. Und würde sich schön entwickeln… das fand ich bezaubernd. Meinem Wunsch ihn endlich mal zu sehen, wurde freundlicherweise statt gegeben und da war er.

Ich konnte mich aber überhaupt nicht freuen, weil ich die letzten 48 Stunden nicht für ihn da sein konnte. Was würde denn nun aus dieser viel besungenen Mutter-Kind-Bindung werden? Und dem Stillen? Und überhaupt – ist das überhaupt mein Kind?!

Ja, es ist mein Kind. Und er war bis zu dem Zeitpunkt als er sein Geschwisterchen kennenlernte wirklich wunderbar.

Die Geburt des 2. Kindes wollte ich besser machen. Viel entspannter und mit einem Lächeln – so wird´s ja im Geburtsvorbereitungskursen suggeriert.

Nichts da. Ich hatte eine Scheißangst!

Und wieder einen Blasensprung. Und eine PDA. Aber dieses Mal wollte sich mein Muttermund doch öffnen. So aß ich noch n Brötchen, während die PDA dieses Mal wirkte und ich mich langsam öffnete.

Und dann kam Blut. Viel Blut. Und es floss aus mir heraus, auf das Laken des Kreißsaalsitzes und machte Angst. Vorerst meiner Hebamme, die schnell weiteres medizinisches Personal rief. So hatte ich 6 Männer vor meinen geöffneten Beinen stehen, die alle da mal in mich reinguckten und meinten, das wäre schon komisch. Das machte dann mir Angst. Nicht nur, weil da Gott und die Welt in meine Vulva schauten.

Also wieder OP. Wenn ich ehrlich bin, war ich soooooo froh. Ich erinnerte mich in diesem Moment an die letzte Begegnung mit einer Freundin, die auch vor kurzem entbunden hatte, und dem Satz ihres Freundes: „Die haben Dich aufgeschnitten von vorne bis hinten wie ne Weihnachtsgans, mit so ner Schere wie beim Metzger. Dieses Geräusch werde ich nie vergessen.“ Und sie lächelte die Schmerzen beim Wasserlassen und dem kommenden Sex weg. Ich wollte nicht von vorne bis hinten aufgeschnitten werden – ich wollte meine wunderschöne Vulva so behalten wie sie ist.

Und ich kannte ja diesen Schmerzen einer Kaiserschnittnarbe bereits.

Und diesen 1. Moment des Nicht-atmen-könnens beim Aufstehen oder Lachen.

Fun fact: ich habe mich am 3. Tag nach der Geburt am Stilltee verschluckt und wäre beinahe verstorben, weil ich mich vor lauter Schmerzen nicht traute zu atmen und zu husten.

Grund für mein Bluten war die von innen gerissen Kaiserschnittnarbe der letzten Geburt. Warum ich das nicht spürte?! Ich muss doch spüren, dass da was in mir reißt… nun ja: PDA. Da spürst Du nichts mehr.

Es folgten 2 Jahre Kinderkrieg. Mein jüngerer Sohn wurde schnell mobil und potenzielle Gefahrenquelle für Spielzeug aller Art, das doch vorher dem Älteren exklusiv zur Verfügung stand. Ich kam damit nicht klar. Ich wünschte mir Harmonie an allen Ecken und Enden – weil es ja schon eh nicht mehr harmonisch in der Ehe lief.

Die Nachricht, ein 3. Kind austragen und gebären zu müssen, überrollte mich. Ebenso überrollten mich die Nichtbeachtung meines Selbst, als ich sagte, dass ich das nicht mehr schaffe. Schwanger sein und gebären. Aber: Ich könne doch froh sein, Teil einer Familie und Angehörige eines Mannes zu sein – sagte man mir. Natürlich erhielt ich nicht das erhoffte Beratungsgespräch und auch nicht die 3 Tage Bedenkzeit (der größte Schwachsinn), um mit dem Vater der Kinder Gelegenheit zum Austausch zu haben. Im OP witzelte ich mit meinem Frauenarzt, der zuvor auch schon die Jungs aus mir herausschnitt, dass er das Kind behalten kann, wenn es wieder ein Junge wird.

Wenigstens das wollte ich – Diversität in der Familie.

Mein Mädchen ist ein Wirbelwind und Wurschtgewitter, wie es im Buche steht. Sie musste auf die Welt kommen – um ihr und mir zu zeigen, wo der Hammer hängt. Das tut sie mit jedem Atemzug und ich bin sehr glücklich ihre Bekanntschaft zu machen.

Nicht glücklich bin ich über den Umgang mit schwangeren und gebärenden Menschen in Momenten allumfassender Unwissenheit. Wenn ich heute eine Schwangere sehe, empfinde ich tiefes Mitgefühl. Und Hoffnung, dass sie andere Erfahrungen macht als ich. Mein Vertrauen in die Medizin und die dazu gehörigen ausübenden Menschen ist erschüttert.

Leider. Und schade.

Und hoffentlich wird meine Tochter diese Erfahrungen nie durchleben müssen. Weil sie keine Kinder kriegt (was mein größter Wunsch ist) oder weil‘s in der Medizin endlich mal kapiert wurde, dass Frauen auch Menschen sind. Und dass dieser verfickte Gender Bios endlich überwunden wurde.

Das wäre schön.

PS: Das Thema Stillen ist auch so eine ganz besondere Art Müttern zu zeigen, dass sie es einfach immer falsch machen.

Durch die im Vorfeld vielfach eingetrichterte Mitteilung, dass Stillen das Allerallerallerallerbeste für Kind und Mutter ist, muss natürlich gestillt werden. Was denn sonst? Jaaa, sonst darfst Du nicht mitspielen – im Club der Mütter mit Kindern an der Brust. Dass da auch unsägliche Schmerzen mit verbunden sind, die einen alleine schon an den Rand der Verzweiflung bringen, wird mit dem Hinweis, dass es DOCH das BESTE für Kind und Mutter ist, weggeredet.

Wir lassen uns im Krankenhaus vom medizinischen Personal in die Brustwarzen kneifen und mit schierer Verzweiflung das Gesicht unseres Kindes in das weiche Gewebe drumherum drücken, schmieren uns komplett überteuertes Wollwachs auf die wunden schmerzend-blutenden Brustwarzen und atmen und atmen und aaaatmen beim Anlegen – bis es dann klappt irgendwie – das (überlebende) Kind glücklich entweder mit oder ohne Hütchen (Hütchen – um Himmels Willen) gierig Nahrung aus einem saugt.

Es macht ja auch schlank – denn das müssen Mütter ja auch direkt nach der Geburt wieder sein. Bloß schnell wieder in die Jeans der letzten Saison passen.

Und sexy sein – mit dicken Brüsten – schlankem Bauch von der Produktion für die dicken Brüste, die hinterher – nun ja – etwas anders aussehen.

Stillend in heimlichen Ecken, bloß niemals blank Essen darbietend. Ich verzichtete auf öffentliches Stillen, nach einer sehr unschönen Diskussion in einem Café – was mich für eine gewissen Zeit natürlich komplett unsichtbar machte. Meine Freundin versteckte sich immer hinter Kirchenbänken.

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Auch wenn mein Beitrag noch so flapsig daher kommt – jede gewaltvolle Erfahrung hinterlässt Spuren. Und Jede*r geht mit diesen Erfahrungen anders menschlich um…

#Gerne würde ich diesen Artikel zur Blogparade „Gewalt unter der Geburt“: https://ichgebaere.com/2020/09/16/blogparade-roses-revolution-day/ hinzufügen. Die phantastische Katharina hat unter: https://ichgebaere.com/ einen wunderbaren Blog, den ich sehr weiterempfehle.

Ein Kommentar zu “Gib’s mir, Baby!

  1. Liebe Ulrike,

    ich danke dir von ganzem Herzen für deine Offenheit! Du bist wahrlich nicht alleine, und deine Erfahrungen haben an Relevanz und Aktualität nichts verloren. Lass uns gemeinsam dafür einstehen, dass unsere Töchter andere Erfahrungen machen, als du und so viele andere sie gemacht haben.

    Herzliche Grüße,
    Katharina

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