Du darfst nicht mitspielen!

„Ach, weißt Du, Ulrike, das ist hier nicht so wie im Westen. Wir sind keine Gutmenschen mit Regenbogenfahne in der Hand. Wir sind einfach anders. Du brauchst nicht erwarten, dass das so läuft.“ Was erst mal harmlos aus dem Mund meines Schwagers klingt, hat eine innere emotionale Lawine in mir ausgelöst.

Und diese Reaktion umfasst im Prinzip alles, womit ich zeitlebens zu kämpfen habe.

Gerne würde ich nachfolgend die Kausalität zwischen Anders-Sein und Nicht-Anders-Sein // Ostdeutsch und Westdeutsch grob anreißen – grob, weil das einfach an meiner persönlichen Erfahrung liegt, die bei weitem kein Gesamtbild liefert, aber ich freue mich über weitere Gedankenanstöße.

Wir – die Ostdeutschen. Dazu gehöre ich auch – aber nicht, wenn ich im Osten, in meiner Heimat, zu Besuch bin. Dann bin ich verrückte, tätowierte „Bilderbuch“-Tante, die keinen Plan vom Leben, der Erziehung der Kinder (Sind Deine Kinder eigentlich immer so spät noch wach??? – der Schwager) und auch sonst wie hat. Dann kann man ja an jeder Ecke an Der rummosern und nützliche Tipps zur besseren Lebenserhaltung geben. Was jetzt klingt wie ein familiärer Zwist, geht tiefer. Tiefer – und vom Niveau her immer.

Fangen wir mal nicht niveaulos an:

Vor 30 Jahren haben wir (Ostdeutsche) einen gravierenden Einschnitt in unser Leben miterleben und -leiden müssen. Wir hatten keine Wahl. Es wurde gesagt – wir Alle wollten das so, basta.

Dass da so einiges auf der Strecke geblieben ist, ist verständlich. Die Resultate können wir derzeit an den Umfragewerten und Parteisitzverteilungen der AfD erkennen, die als einzige Partei leider verstanden hat, die „Sorgen und Nöte“ der (Ost)Bürger*innen „ernst“ nimmt. Ich erspare mir meine politische Meinung dazu. Nach diesem denkwürdigen Samstag Ende August 2020 sowieso.

Letztlich bemerkbar ist der Umstand, dass es bis heute Menschen gibt, die mit Mauern und Vorwürfen, gelebter Vernachlässigung und Unverstandensein in ihren Köpfen leben – obwohl sie diese Abgrenzung nach außen vielleicht nicht mal lange miterlebt haben. Aber die Erfahrungen unserer „Vorfahren“ stecken in uns. In mir – ich bin eine Ostdeutsche. Ich bin teilweise sehr expressiv – in meinem Körperschmuck – und teilweise sehr bescheiden, weil ich ja nichts anderes vorgelebt bekommen habe. Aber – und das ist vermutlich uns Ostdeutschen im Westen lebend gemein – wir sind niemals (perfekt) da/vorhanden.

Bei mir geht dieser Umstand noch weiter. Ich war niemals perfekt, ach… was ist schon perfekt. Ich war noch nicht mal ok. Oder sagen wir: ausreichend. Oder besser: ich war immer anders. Dieses Anders-Sein macht Menschen Angst, die es nicht verstehen können. Und hier sind wir wieder bei meiner Familie. Durch mein Anders-Sein wurde mir von Grund auf suggeriert, einfach nicht richtig dazu zugehören. „Ach, die Uli …“ mit einem gewissen Augenrollen und Blick von mir weg – triggert Gefühle in mir, die ich (noch) nicht beschreiben kann. Aber: abgrundtiefe Enttäuschung, warum ich nicht so wie erwartet bin, trifft es gut. Das passiert stetig bis heute. Und selbst wenn dieser Satz nicht fällt, drücken andere Worte diesen Umstand aus. Wir oben genannt – ich, Gutmensch… ach…

Du darfst nicht mitspielen.

Basta.

Zustimmendes Kopfnicken vom Rest der Familie.

Du bist zwar im Osten geboren, aber nun so weit westdeutsch sozialisiert, dass Du nicht mehr zu UNS (Deiner Familie) gehörst.

Basta.

Du bist Osten geboren und lebst diese expressive Lebensart, aber zu uns Kapitalist*innen im Westen wirst Du nie gehören! Dazu siehst Du irgendwie zu komisch aus.

Basta.

Nun ja, ich sag euch mal was: ich will auch nicht mehr. Ich will weder zu der einen noch zur anderen Seite gehören. Das wollte ich (eigentlich) noch nie – der Weg zur Erkenntnis tat unfassbar weh, aber schlussendlich darf ich sagen: lasst mich doch einfach in Frieden mit diesen Grabenkämpfen.

Wann beginnt der Moment, an dem wir es schaffen, andere Menschen gemessen an ihrer Persönlichkeit einfach mal so anzunehmen, wie sie nun mal geschaffen sind?! Außer Nazis natürlich.

Basta.

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