19 Jahre

Fast 2 Dekaden habe ich versucht meinen beruflichen Weg zu finden, kam über diverse Stationen mal hierhin und mal dorthin. Immer war es anfangs supercool und echt spannend. 

Meine Familie und Freund*innen sagten mir dann schon immer im Voraus: warte mal ab. Das wird sich auch schnell wieder ändern.

Und was tat es? Richtig: es änderte sich. Und nicht zum Guten.

Aber fangen wir mal am Anfang an:

2002 machte ich mein Abitur in einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt. Ich hatte meine Lieblingsfächer Deutsch, Chemie, Geschichte und Kunst gewählt. 3 Monate zuvor ist mein Verlobter bei einem Autounfall verstorben, sodass ich mitten im Chemie-LK-Abi einen Zusammenbruch hatte und meine Note dann doch etwas schlechter als erwartet ausfiel.

2002 gab es nach einer verheerenden Wendezeit in dem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt am östlichen Rand des Harzes nicht viel zu tun, weder für mich mit einem Abitur noch für viele andere Menschen, die keine Allgemeine Hochschulreife erlangt haben.

Da ich aufgrund persönlicher Hintergründe eh keine Wurzeln irgendwo habe, fiel es mir nicht schwer zu gehen. Hörte ich dies doch auch fast jeden Tag im Familienkreis. Meine Eltern hatten Hoffnungen, als sie Mitte der 90er Jahre an den Rand des Ostharzes zogen. Es sollte noch lange dauern, bis diese Hoffnungen wenigstens in Teilen erfüllt wurden. Und so wollten sie wenigstens, dass ihre Kinder mal was machen aus der eigenen Expertise.

Und so ging ich.

Nach Hessen, ins Rhein-Main-Gebiet.

2002 in Hessen als gebürtige Ostdeutsche zu landen, tat weh. Jeden Tag wurde ich darauf hingewiesen, was ich doch für ein Mensch sei. Nämlich mal keine*r, die/der hier hergehört. So kam es, dass ich langsam meinen Dialekt, meine sprachlichen Beschreibungen von “Haushaltsgegenständen” (es heißt: Bulette und nicht Fleischkäse!) ablegte und später dann alles, was mich ausmachte, verleugnete.

Es war einfach zu anstrengend jeden Tag dagegen ankämpfen zu müssen. Die immergleichen Blicke zu ernten, Erklärungen darüber abgeben zu müssen, das ich eben doch einen Platz in der hessischen Gesellschaft beanspruche.

Es machte mürbe und müde. Unendlich müde. Aber irgendwie lebte ich dann damit.

Ich wollte eigentlich Gärtnerin werden. Meine Mutter schaffte es mir dies auszureden – hatte sie doch selbst diese zermürbenden, diffamierenden und abwertenden Erfahrungen in der Nachwendezeit in den Knochen, weil sie eben auch Gärtnerin werden wollte. Sie konnte ihren Beruf der Kindererzieherin, nachdem sie wie fast 82% aller Ostdeutschen irgendwann einmal in den 90ern ihre Arbeitsgrundlage verloren hatte, eh nicht mehr ausüben.

Ich studierte BWL. 3 Jahre Quälerei mit Sabrina, die fast jedes Wochenende von ihren tollen Erlebnissen auf der Yacht ihres Vaters im Mittelmeer berichtete und Jochen, der großen Wert auf seinen rosa Pullunder über den Schultern legte und natürlich auch mal schöne Erlebnisse mit Sabrina auf der Yacht ihres Vaters im Mittelmeer hatte. 

Meine roten langen Haare, meine schwarzen Klamotten und ja puh – Patchouli – fanden die Beiden eher grenzwertig, um es mal geschönt auszudrücken.

Meinen Abschluss bekam ich 2005 auf einer großen Feier mit den Worten des Prof., bei dem ich das Vergnügen hatte seine Analysis- und Statistikkenntnisse bis zum Erbrechen zu erlernen (fast wäre ich von der Hochschule geflogen, weil ich so oft durch die Prüfungen fiel): 

“Sie sind nun die geistige Elite Deutschlands. Seien Sie dankbar! Und nun lade ich alle weiblichen Absolventen (!!) ein, mich an der Bar zu besuchen, damit wir zusammen über die nächste geistige Elite Deutschlands “nachdenken” können.” 

Und das ist kein Witz!

Sprachlos beschämt kippte ich das Glas was-auch-immer runter und war froh, diese Bildungseinrichtung zukünftig nur noch von außen zu sehen.

Es ging zur Deutschen Bank – die hatten eingesehen, nach einer enormen Kündigungs- und Rauswurfwelle – upsi – da fehlen nun Leute. Da sollten wir mal wieder einstellen. Machten sie, bekamen mich, weil ich “nicht so eine typische BWL-erin bin” und genau das brauchten sie scheinbar damals. Ich bin bis heute meinem Chef dankbar für seine empathische, zugewandte Führung und seine Mediation – ich habe so viel gelernt. Und das meine ich Ernst. 

Ich habe Kohle in ungeahnter Höhe (für meine bescheidenen Verhältnisse) verdient, hatte teure Hobbies und konnte die Welt bereisen. Das war schön.

Nicht schön waren Gegebenheiten in der Betriebskantine: Eine weiße männliche Hand eines Vorstandsmitgliedes auf meinem Po, während ich mit dem Salatangebot beschäftigt war oder auch nicht schön: die Folgen von Koks auf der Haut, weil ich versehentlich mal die Toilette benutzt hab, die eigentlich nur für die Lines zuständig ist. Und ja, auch das ist kein Witz und erst recht keine Plattitüde. Wenn es nicht so unglaublich platt und denkbar wäre, ich würd´s ja selber nicht glauben wollen. 

Nach München brachte mich das Studium der Restaurierung 2009. Ich setzte mir in den Kopf unbedingt Restauratorin werden zu wollen, zumal ich dies während meiner Schulzeit nebenbei erlernte. Chemische Zusammenhänge zu ergründen, diese einfach und sinnbildlich erklären zu können, wurden meine Waffe im Klugscheißen. Nun kann ich wirklich überall mitreden. 3 Kinder und 18 Semester später sagt man mir bis heute im Prüfungsamt, es gäbe keine Möglichkeit das Studium adäquat zu beenden. Meine Exmatrikulation war nur eine Frage der Zeit und so steht ein nicht abgeschlossener Klugscheiß-Bachelor im Lebenslauf. Dazwischen verstecken sich 2 Kinder – merkt aber niemand.

Das geht ja auch in beruflicher Hinsicht niemanden etwas an. Normalerweise.

Dass Kinder, ob sie es nun gibt oder nicht, einem Menschen mit funktionsfähigem Uterus immer subtil vorgeworden werden, brauche ich nicht mehr erwähnen.

150 Bewerbungen nach einer Elternzeit zu schreiben, ist eher ein mittelmäßiges Vergnügen. Als ich es doch einmal zu einem Gespräch schaffte, wurde ich aus roten Lippen mit dem dazugehörigen verächtlichen Blick gefragt: Und was machen Sie, wenn Ihre Kinder krank sind??!

Meine Sprachlosigkeit täuschte darüber hinweg, dass die danach echt dachten, ich wäre immer noch scharf auf den Job.

Besonders hervorhebenswert finde ich auch meine Behandlung als ich als Werkstudierende im Online-Marketing einer großen AG arbeitete. Diese AG wurde nach kurzer Zeit verkauft und splitterte sich dann in viele kleine GmbH´s auf, die dann wiederum von namhaften Heuschrecken-Investor*innen geschluckt wurden. 

Festangestellte Mitarbeitende konnten in dieser Zeit nur 2 Sachen tun – selber gehen oder gekündigt werden. Ich blieb übrig – so ´ne Mutti als Werkstudierende hatte da kein Mensch auf dem Schirm. So übernahm ich nach und nach all die Reportings und auch sonst so alles, was anfiel. Der Laden musste ja irgendwie am Laufen gehalten werden.

In einem Meeting in Paris, das ich leitete, sagte einmal mein französischer Kollege auf französisch zu unserem schwedischen Kollegen: die würde ich ja gerne mal ficken! Dumm nur, dass ich neben Englisch und Französisch noch n paare weitere Sprachen kann. Passiert ist nix nach diesem Vorfall, den ich umgehend gemeldet habe – wir haben nicht miteinander geschlafen, dumm gelaufen natürlich.

Nach und nach kamen dann aber, nachdem die Strukturen wieder gefestigt waren, neue Angestellte. Ich hab´s grade noch so hingekriegt, mein Beschäftigungsverhältnis in eine befristete Festanstellung umzuwandeln. So wurde ich zum Teil Ernst genommen.

Ich musste dringend Aufgabengebiete abgeben – ich lernte also viele neue Leute ein. Und dann durfte ich gehen. Der Geschäftsführer, dem ich ebenfalls Aufgaben übertrug, hat nicht 1 Wort mit mir gesprochen. Dieses kleine misogyne Würstchen ließ sich geduldig alles zeigen und damit hatte sich´s. Vielleicht hat er mir auch hin und wieder mal in den Ausschnitt oder den Hintern gestarrt. 

Danke für nichts also!

Auf der späteren Suche nach einer sinnstiftenden Tätigkeit kam ich doch tatsächlich zu einer Sozialgenossenschaft, die flache Hierarchien und auch sonst so einiges vorzuweisen hatte, was nicht schlecht war. Das Thema Menschlichkeit und mutig handeln, stand im Vordergrund. Dass der Laden aus dem Dachgeschoss sprichwörtlich territorial von oben nach unten von 1 Person “regiert” wird, ist selbst den Vorständ*innen im Erdgeschoss nicht so wirklich klar. Und die Regierung hat beschlossen, dass ich nicht mehr auf meine bezahlte Position passe, da genau zu einem bestimmten Zeitpunkt genügend Kapazität für ihre eigens gezüchtete Hofnärrin frei wird. Und nun ja, was macht man so, wenn da 1 Person zuviel ist und die Pläne doch so schön durchdacht sind, wie man zusammen bis zur Rente durchregieren kann? 

Mobbing – genau.

Das steigerte sich zusehends. Nach meinen Auszeiten, die ich mit Krankenscheinen versuchte zu erreichen, wurde es immer schlimmer. Und die Angriffsflächen immer größer. Es strudelte sich zum Abgrund und niemand war in der Lage diese Situation zu entschärfen, geschweige denn zu verstehen.

Ich bin in meinem Leben noch nie derart mies behandelt wurden – und ich habe eine wirklich miese Ehe mit einem manipulativen Narzissten hinter mir – das heißt schon was.

Und während ich also in Angst um meine Kinder in der Scheidung um Gerechtigkeit kämpfte, mangelte es zur gleichen Zeit nicht an justiziablen Tätigkeiten aus dem Dachgeschoss – das habe ich letztendlich nicht strafrechtlich verfolgen lassen, denn die Kraft fehlte dafür.

Danke für nichts also!

19 Jahre – sexistische Kackscheiße, Mobbing und permanent der Punkt, an dem ich erstmal ratlos vor dem Eingeständnis meiner ganzen Fehler stehe.

Zumindest waren die Jobs niemals so, dass ich Personen wirklichen Schaden zufügen konnte. Sprich: es ist niemand gestorben. Denn so wichtig sind diese Jobs nämlich nicht.

Zumindest hab ich teilweise beachtliches Gehalt für irgendeinen Blödsinn, den ich da gemacht habe, verdient.

Wisst ihr was?

Ich kümmere mich zukünftig um das, was wirklich wichtig ist. 

Unsere Natur – solange es sie noch gibt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s