Mutig sein

“Ich glaube, wir Frauen* müssen erst immer fast sterben, ehe wir uns die Erlaubnis geben, so zu leben, wie wir wollen.*

Diese Erkenntnis ist mutig.

Diese Erkenntnis laut auszusprechen ist mutig.

Diese Erkenntnis laut aussprechen zu dürfen ist mutig.

Mut, der: Substantiv, maskulin 

“Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden; Furchtlosigkeit angesichts einer Situation, in der man Angst haben könnte”

So ein BLÖDSINN!

Mut hat rein gar nichts mit Angst zu tun – meine Meinung.

Stellen wir uns doch mal vor, wir bringen unseren Kindern bei, mutig zu sein. 

(Positiv betrachtet natürlich nur den Jungs in unserer binären patriarchal geprägten Gesellschaftsstruktur. Weil Mädchen ja nicht mutig sein dürfen – die dürfen sittsam, nett und wohlwollend zugucken, wie da ein anderes Kind mutig Ängste überwindet. Ausnahmsweise sind Mädchen mal mutig, wenn sie alleine nachts durch einen Park gehen dürfen. Oder alleine wandern oder alleine auf einer Party tanzen.

So, genug vom Patriarchat.)

Wir bringen also immer die Angst und den Mut in Verbindung, sobald wir unseren Kindern bestimmte Tätigkeiten abverlangen.

Mutig sein bedeutet also erstmal vor einer großen Herausforderung zu stehen, nämlich die der Angstüberwindung.

Angst, die: Substantiv, feminin

“beklemmendes, banges Gefühl, bedroht zu sein”

Es gibt so viele verschiedene Arten von Ängsten, die alle eins gemeinsam haben: Angst lässt Menschen etwas tun, dass sie von sich aus niemals tun würden. 

Einfach nur, damit diese Angst erstmal weg ist.

Die Angst ist aber nicht weg – nein, es werden weitere Bausteine über die Angst gebaut, bis da irgendwann ein gigantisches und übermächtiges Gebilde entstanden ist, dass das kurzfristige Überwinden von Ängsten als das kleinere Übel erscheint.

Ich will meinen Kindern keine Angst machen.

Und schon gar nicht, wenn es darum geht sie zu mutigen Erwachsenen zu erziehen.

Meine Tochter ist 5 Jahre alt. Sie steht im Leben wie ein dicker Brocken auf 2 unglaublich knubbeligen Füßen. Sie macht, was sie will. Sie sagt, was sie will. Sie fordert alles ein – für sich. 

Wenn es ums Teilen geht, denkt sie gar nicht daran, auch nur einen Bruchteil dessen abzugeben, von dem sie der Meinung ist, das gehöre ihr.

Muss sie sich eine Flasche Saft mit ihren Brüdern teilen, trinkt sie sie einfach aus. Und guckt dabei ihre Brüder an – die ganze Zeit. Die Tränen, die Enttäuschung ihrer Geschwister sind ihr egal.

Ich finde sie großartig!

Auch, wenn es jetzt wieder heißt: was bist Du doch für eine schlechte Mutter – die Kinder nicht zum Teilen zwingen…. blablablubb. Links rein, rechts wieder raus – sag ich euch dazu.

Mein älterer Sohn ist da ganz anders als seine Schwester.

Er saugt Ängste auf und nimmt sie als was Eigenes an. Sonntags hat er Angst vor der kommenden Woche und es gibt Momente, da weiß er einfach nicht wohin mit sich und all diesen indifferenten Gedanken. Er ist 9 Jahre alt. Er kann das nicht wissen, benennen und schon gar nicht dürfen wir Erwachsene und Erziehungsberechtigte auf die Idee kommen, von ihm irgendwas erwarten. Wir haben dies zu begleiten und offen zu leben.

Auch er wird mutig sein, irgendwann und auf seine Art und Weise. Den Zeitpunkt dafür bestimmt jedoch er, und ausschließlich nur er.

Ich finde ihn großartig!

Mein 7jähriger ist mutig ohne Angst. 

Er war es, der sich mit etwa 3,5 Jahren in einem blauen Kleid vor eine andere Mutter gestellt und auf ihren verächtlichen Kommentar, warum er sich heute als Mädchen verkleidet hat, antwortete: “Ich bin …, ein Junge und ich habe heute einfach ein blaues Kleid an.”

Er war es, der sich ungefähr zur selben Zeit bei Gesprächen am Esstisch immer zwischen seinen Vater und mich setzte, weil er merkte, dass da eh schon was nicht mehr stimmt.

Zu diesem Zeitpunkt brauchte ich dann all meine Mut-Angst um ihn davor zu bewahren weiterhin das Sandwich zwischen unausgesprochenen Konflikten zu sein.

Mutig sein heißt nicht, Angst zu haben und es trotzdem zu tun. 

Angst hatte ich – vor all dem, was da auf mich bei einer Trennung zukommt… und ich wollte ihn um alles in der Welt beschützen.

Mutig sein heißt, von innen nach außen zu leben. 

Mein Innerstes schrie nach Trennung. Und es gab einen Menschen, der dies außerhalb meines Körpers hörte. Einen mutigen Menschen ohne Angst.

Ich finde ihn großartig!

Ob wir alle mutig sind, darf niemals von außen bewertet werden – das steht niemandem zu.

Ob wir alle mutig sind, bedeutet nur, dass wir uns selbst treu bleiben. 

In steter Veränderung.

Mut verändert sich. Wie Menschsein auch.

Und wir können nur Menschsein, wenn wir mutig sind und uns immer selbst treu sind.

Dazu gehört auch, andere möglicherweise enttäuschen, sie verlassen oder im Stich lassen zu müssen. Ängste spielen da keine Rolle mehr. Sie sind einfach weg, weil sie sie da gewesen sind.

Mut und Menschsein ist das Vertrauen in sich selbst. Und es gibt hoffentlich nicht eine Person, die von sich ernsthaft behauptet, vor sich selbst Angst zu haben…

hoffentlich…..

*aus: Ungezähmt, Glennon Doyle, 2020, S. 121.

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