DU

Du sprühtest vor Liebe.

Du hattest immer ein breites Grinsen in Deinem wunderschönen Gesicht.

Du warst auf einmal da.

Und bist tot.

Seit 19 Jahren – gestorben März 2002, früh morgens.

Du warst mein Mensch.

Du bist mein Mensch.

Als Du starbst, lag ich in unserem Bett und schlief, im Keller Deines Elternhauses. Müde von unserer gemeinsamen Nacht, die wir zuvor mit Liebe und Gesprächen verbracht haben.

Ich wollte eigentlich mit Dir mitfahren. Neben Dir sitzen.

Aber nach dieser Nacht fast ohne Schlaf kam ich nicht in die Senkrechte.

Du bist alleine losgefahren.

Unangeschnallt. Und viel zu schnell – wie immer.

Es klingelte an der Tür. Ich habe nicht geöffnet. Es waren 2 Polizeibeamte* mit der Nachricht.

Deine Mutter stand später an unserem Bett und sagte:

Du bist tot. 

Das war die Nachricht.

Und zu mir: Du wirst schon wieder jemanden finden, der mich so lieben wird wie Du.

Seitdem bin ich auf der Suche.

Ruhelos.

Rastlos.

Hoffnungslos.

Es gibt niemanden wie Dich. 

Du warst mein Mensch.

Ich erinnere mich an unser letztes Gespräch.

Wir sprachen über Unfälle und meine Angst, das mal was passiert mit Dir und uns.

Du sagtest, Dir passiert schon nix. Und wenn mal was sein sollte, kaufst Du Dir eben ein neues Auto. 

Aber DICH kann man nicht neu kaufen, sagte ich.

5 Stunden später warst Du tot.

Unfall. Selbstverschuldet durch Rasen auf nasser Fahrbahn in einem blauen, sehr sehr tiefergelegten VW Passat.

Ich erinnere mich, wie Du immer auf mich gewartet hast – damals als ich noch gekellnert habe. Es sprach sich rum, dass “Eine” beim stadtbekannten Griechen arbeitet, die sei sexy und witzig. Das wollte sich man(n) scheinbar angucken…

Du warst nicht der Einzige, der da gewartet hatte.

Aber:

Du kamst zur Tür rein und mein Herz blieb stehen.

Für einen kurzen Moment blieb die Welt still stehen.

Ich wollte sie anhalten und Dich angucken. 

Die ganze Zeit.

Mit einem Tablett mit Getränken drauf in der Hand stand ich da. Mein Mund offen, mein Herz rasend – weil mein Körper vehement darum bat, wieder mit Blut versorgt zu werden.

Du warst mein Mensch. 

Ich wusste es sofort.

Ich weiß es bis heute.

Deine Familie nahm mich auf. Ihre Liebe, Liebenswürdigkeit, ihre offene und ehrliche Art zu leben machten mich komplett. Wir planten unsere gemeinsame Zukunft. Sie bestärkten uns dabei. Sie waren immer da.

Sie sind bis heute da.

Du bist da.

Manchmal pralle ich gegen eine imaginäre Wand und rieche Dich, für einen kurzen Moment.

Dann weiß ich, dass Du da bist. Für mich.

Danke, dass Du das machst.

Ich habe nie gelernt zu trauern.

Kann man das überhaupt lernen???

Was mache ich mit meiner Schuld?

Dich so lange mit Gesprächen und Gefühlen wach gehalten zu haben…

Dich alleine hab fahren lassen…

Dich nicht genug davon überzeugt zu haben auf Dich und uns aufzupassen…

Fallen – fallen – fallen – das hab ich gelernt.

Rastlos sein – suchend – niemals findend – das habe ich gelernt.

Dein Vater sagte vor kurzem zu mir: Wenn Du nicht so schnell gewesen wärst, wäre heute alles anders. Mir wäre Gendern, Feminismus, smash patriarchy vielleicht nicht so wichtig. 

Das mag sein – ich würde ja in einer Welt leben, in der es ganz natürlich ist, zu gendern, feministisch zu leben und das Patriarchat – ach, das gäbe es gar nicht. 

Alles würde nicht mehr so bedrohlich wirken, was ich hier jetzt mache.

Wir hätten uns ergänzt – Du hättest vielleicht oft gedacht, OMG – was stimmt denn mit ihr nicht? – aber unsere Liebe hätte Lösungen und Antworten auf alle Fragen gefunden.

Du bist im Galopp durch´s Leben – hast Material verschlissen.

Ich laufe im Galopp durch´s Leben – und verschleiße Gedanken und Nerven.

Mein damaliger bester Freund – und ich war so stolz, einen echten besten Freund zu haben – hat Dich “gefunden”. 

Tot in Deinem Auto. Bis heute spricht er nicht mit mir. Er kann es nicht.

Wir Alle haben nicht gelernt zu trauern.

Ich wünschte, es gäbe da einen Knopf.

An = trauern. Aus = so, nu is gut! Lass uns wieder Freund*innen sein.

Bis heute habe ich nicht um Dich getrauert. Ich habe mich stattdessen ständig auf die Suche nach einem Menschen wie Dich begeben. Und mich selbst verloren dadurch.

Es gibt niemanden wie Dich. Und es gibt niemanden wie mich.

Du warst mein Mensch.

Ich bin Dein Mensch.

Unsere Seelen sind zeitlos.

Du bist für mich.

Du warst für mich.

Ich bin.

Allein.

Ohne Dich.

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